Die nächste Phase der Energiewende: Warum Verteilnetze mehr als Standardlösungen benötigen 

Dennis Bergsma, Leiter Forschung und Entwicklung bei Lovink Enertech. In diesem Artikel erläutert er seine fachliche Sicht auf die Herausforderungen moderner Verteilnetze und die Rolle lebenszyklusorientierter Kabelmuffenlösungen für eine langfristige Netzzuverlässigkeit. 

Das Verteilnetz ist zu einer kritischen Infrastruktur geworden 

Über viele Jahre wurde die Energiewende vor allem als Herausforderung der Energieerzeugung betrachtet. Im Mittelpunkt standen der Bau von Wind- und Solarparks sowie der Ersatz fossiler Energieerzeugung durch erneuerbaren Strom. Diese Phase ist nach wie vor wichtig, bildet jedoch nicht mehr das Gesamtbild ab. Die nächste Phase ist anders: Die eigentliche Herausforderung besteht darin, elektrische Energie anzuschließen, zu übertragen, zu steuern und zuverlässig zu verteilen. 

In Europa und darüber hinaus zeichnet sich dasselbe Muster ab. Die Wertschöpfung verlagert sich von Erzeugungsanlagen hin zu Verteilnetzen, Flexibilität, Speichern, Digitalisierung, Zuverlässigkeit und Systemintegration. Netzbetreiber müssen mehr Anlagen anschließen, ihre Netze näher an den Belastungsgrenzen betreiben, mit weniger Fachkräften auskommen und die bestehende Infrastruktur besser nutzen. 

Dadurch verändert sich die Rolle von Mittelspannungskabelgarnituren. In Zukunft geht es nicht einfach darum, mehr Standard-Kabelmuffen zu installieren. Vielmehr müssen Ausfallrisiken und der Installationsaufwand reduziert, die Lebensdauer der Betriebsmittel geschützt und ein Lebenszykluswert in Netzen geschaffen werden, die stärker ausgelastet, dynamischer und kritischer werden. 

Wo Standardlösungen an ihre Grenzen stoßen 

Standardisierung bleibt unverzichtbar. Sie schafft Klarheit, Wiederholbarkeit und ein Mindestmaß an Sicherheit. Die Einhaltung von Normen allein ist jedoch nicht immer ausreichend. Die heute beobachteten Betriebsbedingungen zeigen die Grenzen der aktuellen Normen auf. Prüfungen werden beispielsweise mit einem idealen 50- oder 60-Hz-Signal durchgeführt, während Umwelteinflüsse wie Hitzewellen unberücksichtigt bleiben. Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr nur: Erfüllt die Muffe die Norm? Zunehmend wichtiger wird die Frage: Wird die Muffe unter realen Einsatzbedingungen über die erforderliche Nutzungsdauer hinweg zuverlässig funktionieren? 

Netzbetreiber, Industriekunden und Installationsunternehmen stellen daher umfassendere Fragen. Wie lässt sich das Installationsrisiko verringern? Wie können vorzeitige Ausfälle vermieden werden? Wie kann die Leistungsfähigkeit bei thermischer Belastung, Feuchtigkeit und Alterung aufrechterhalten werden? Wie lassen sich die Lebenszykluskosten kontrollieren? 

Diese Fragen verlagern die Diskussion vom niedrigsten Anschaffungspreis hin zum Lebenszykluswert. Ein Kunde kauft keine Kabelmuffe, weil er eine Muffe besitzen möchte. Er kauft Sicherheit: ein zuverlässiges Netz, vorhersehbare Leistung, ein geringeres Ausfallrisiko und eine Nutzungsdauer, die zur Anlagenstrategie passt. Genau hier werden Premiumlösungen erforderlich: nicht Premium als Etikett, sondern Premium, weil die Kosten für Ausfälle, Unterbrechungen, Austausch, Nacharbeiten und betriebliche Unsicherheit deutlich höher sind als der anfängliche Komponentenpreis. 

Produktführerschaft in der Praxis 

Italien liefert hierfür ein anschauliches Beispiel. In Netzen mit extrem hohen Ausfallraten bei Mittelspannungsmuffen liegt das Problem nicht nur in der einzelnen Komponente. Entscheidend ist vielmehr die Leistung über den gesamten Lebenszyklus: Vorzeitige Ausfälle verkürzen die Nutzungsdauer und erhöhen Betriebskosten, Ausfallrisiken und den Austauschdruck. Wenn der Ausfallmechanismus mit Umwelteinflüssen, Feuchtigkeit, Alterung oder Installationsempfindlichkeit zusammenhängt, lässt sich das Problem durch die weitere Verwendung herkömmlicher Standard-Muffenkonzepte nicht zwangsläufig lösen. 

Technologien wie Flüssigisolierung und Harzschutz setzen genau bei dieser Art von Herausforderung an. Die Flüssigisolierung unterstützt die langfristige dielektrische Leistungsfähigkeit, während der Harzschutz eine robuste Barriere gegen Feuchtigkeit und Umwelteinflüsse bildet. Ziel ist es nicht nur, eine Prüfung zu bestehen, sondern das Kabelmuffensystem wieder auf die erforderliche Nutzungsdauer und das damit verbundene Lebenszykluskostenniveau zu bringen. 

Deutschland verdeutlicht dasselbe Prinzip aus einer anderen Perspektive. In einem weitläufigen Netz zur Stromverteilung aus einem Windpark kam es bei herkömmlichen Kabelmuffen aufgrund hoher Mantelströme zu Überhitzung und vorzeitigen Ausfällen. Der Austausch einer Standardmuffe durch eine andere hätte die Ursache nicht behoben. Durch den Einsatz von Cross-Bonding-Lösungen zur Reduzierung der Mantelströme konnte das System wieder an die erwartete Nutzungsdauer herangeführt werden. Die Erkenntnis ist eindeutig: Zukünftige Zuverlässigkeit erfordert häufig ein Denken auf Systemebene und nicht nur den Austausch einzelner Komponenten. 

Feuchtigkeit, Hitze und Alterung: bekannte Probleme in neuer Form 

Das Eindringen von Feuchtigkeit zählt seit jeher zu den größten Gefahren für unterirdische Kabelsysteme. In der Vergangenheit konzentrierte sich die Diskussion auf hohe Grundwasserstände, überflutete Schächte, beschädigten Außenschutz oder fehlerhaft angewandte Schrumpftechnologien. Der Klimawandel verändert die Rahmenbedingungen. Feuchtigkeit und Umweltbelastungen treten inzwischen in vielfältigeren und anspruchsvolleren Formen auf: wiederholte Überschwemmungen, anstehendes Wasser, sommerliche oder winterliche Hitzewellen, hohe Bodentemperaturen und beschleunigte Materialalterung. 

Italien hat gezeigt, wie Hitze und Umweltbedingungen Teil der Zuverlässigkeitsdiskussion werden können. Ähnliche Bedenken bestehen in Regionen mit extremer Hitze, etwa in Teilen der Vereinigten Staaten. Hitzewellen, trockene Böden und eindringendes Wasser wirken nicht unabhängig voneinander. Gemeinsam beschleunigen sie die Belastung unterirdischer Kabelgarnituren. 

Bewährte harzbasierte Technologie bleibt von großer Bedeutung. Sie ist keine modische Lösung, sondern eine zeitlose. Ein robustes Harzschutzsystem bildet eine stabile Barriere gegen Feuchtigkeit und Umwelteinflüsse und unterstützt zugleich die langfristige Leistungsfähigkeit unter realen Einsatzbedingungen. 

Vom Komponentenlieferanten zum Lebenszykluspartner 

Ausfallanalysen an schrumpfbasierten Mittelspannungsmuffen weisen häufig auf bekannte Ursachen hin: Montage- oder Positionierungsfehler, installationsbedingte Materialschäden, Durchschläge infolge von Materialalterung, Überhitzung oder Umwelteinflüsse. Dieses Muster ist entscheidend. Viele Ausfälle werden nicht durch einen einzelnen Faktor verursacht. Sie entstehen durch das Zusammenspiel von Produktdesign, Installationspraxis, Materialverhalten, thermischer Belastung und Umweltbedingungen. 

Der Wert der nächsten Generation von Kabelgarnituren wird nicht allein aus der physischen Verbindung entstehen. Er ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Produktleistung, Installationsqualität, Diagnostik, Praxiserfahrung und Lebenszyklusunterstützung. 

Für Verteilnetzbetreiber, Industriekunden und Installationsunternehmen lautet die bessere Frage nicht: Welche Muffe ist am günstigsten? Die bessere Frage lautet: Welche Lösung schützt das Netz über die erforderliche Nutzungsdauer am besten? Dies eröffnet den Weg für hochwertige, lebenszyklusbasierte Lösungen: installationstolerante Muffensysteme, robuste Isolier- und Abdichtungskonzepte, Cross-Bonding und Strommanagement auf Systemebene, Monteurschulungen, Ausfallanalysen, diagnostische Unterstützung und Lebenszyklusberatung. 

Die Zukunft gehört dem Lebenszykluswert 

Das nächste Jahrzehnt wird nicht dadurch bestimmt, wer die kostengünstigste Standardkomponente herstellen kann. Entscheidend wird sein, wer Netzbetreiber, Installationsunternehmen und Industriekunden dabei unterstützt, komplexe Verteilnetze zuverlässig zu errichten, zu betreiben und instand zu halten. 

Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Der zukünftige Wert einer Kabelgarnitur wird zunehmend davon abhängen, wie sie zur Netzauslastung, Zuverlässigkeit und Sicherheit über den gesamten Lebenszyklus beiträgt, und nicht nur davon, ob sie die heutigen Mindeststandards erfüllt. 

Die Energiewende tritt in eine neue Phase ein. Zu den Gewinnern werden nicht nur diejenigen gehören, die erneuerbare Energie erzeugen. Erfolgreich werden auch diejenigen sein, die Verteilnetze dazu befähigen, diese Energie anzuschließen, zu steuern und zuverlässig zu nutzen. 

Für Lovink bedeutet dies, auf bewährter Technologie aufzubauen und sich mit hochwertigen, lebenszyklusorientierten Lösungen für die Verteilnetze der Zukunft weiterzuentwickeln. 

Die Zukunft der Verteilnetze